Wie werden Rückenschmerzen chronisch?

Chronische Rückenschmerzen

Über chronische Rückenschmerzen und mögliche Ursachen gibt es die verschiedensten Informationen.

Die letzten Jahre haben aber gezeigt: Meistens entstehen chronische Rückenschmerzen durch ein komplexes Zusammenspiel von körperlichen, psychischen und umweltbedingten Faktoren. Natürlich ist die Entstehung von Rückenschmerzen auch individuell.

Doch was lässt sich auf Basis der wissenschaftlichen Erkenntnisse über die Entstehung von unspezifischen Rückenschmerzen sagen? Welche Behandlung ist den Leitlinien zufolge wann für wen die richtige?

Darauf wollen wir im folgenden Artikel eine Antwort finden. Folgende Fragen und Themen werden behandelt:

 

Definition: Was sind chronische Rückenschmerzen

 

Plötzlich auftretende, intensive Rückenschmerzen werden umgangssprachlich als Hexenschuss bezeichnet. Für viele Menschen gehören Rückenschmerzen einfach zum Leben dazu. Sie sind unangenehm wie eine Erkältung. In der Regel verschwinden die Schmerzen aber von selbst wieder. Dementsprechend sind die Chancen sehr gut, dass Rückenschmerzen sich von selbst zurückbilden.[1][2]

Akute, sub-akute und chronische Rückenschmerzen werden nach der Dauer der Beschwerden unterschieden. Dabei werden die folgenden Zeiträume betrachtet:

  • Akute Rückenschmerzen: 0-6 Wochen
  • Subakute Rückenschmerzen: 6-12 Wochen
  • Chronische Rückenschmerzen: länger als 12 Wochen

In etwa 90% der Fälle nehmen akute Rückenschmerzen einen schnellen positiven Verlauf. In nur  10% der Fälle setzen sich die Schmerzen hartnäckig fest.

 

Entstehung chronischer Rückenschmerzen

 

Rückenschmerzen haben in der Regel keine bedrohliche Ursache, insbesondere wenn keine Warnsignale für akut behandelbare somatische Ursachen – die sogenannten „Red Flags“ –  vorliegen. Sie sind meistens eine Folge von Überlastung, ungünstiger Bewegung oder auch einfach Stress. Eben diese Einstellung führt noch eher als körperliche Faktoren dazu, dass sich akute Schmerzen meistens nicht zu chronischen Rückenschmerzen entwickeln. Wird dem Schmerz keine große Bedeutung beigemessen, so steigen die Heilungschancen.

Interessanterweise entscheiden bei unspezifischen Rückenschmerzen nicht nur körperliche Veränderungen bzw. die körperlichen Befunde über den weiteren Krankheitsverlauf. Insbesondere psychosoziale Faktoren, die sogenannten „Yellow Flags“, haben einen großen Einfluss darauf, ob Kreuzschmerzen chronisch werden oder wieder vergehen. Stress und Belastungen aus allen Lebensbereichen können zum einen dazu führen, dass wir Rückenschmerzen stärker wahrnehmen. Zum anderen können sie auch dazu beitragen, dass die Schmerzen länger anhalten.

Daran sind körperliche, psychische und auch soziale Aspekte gleichermaßen beteiligt. Diesen Zusammenhang beschreibt das biopsychosoziale Modell. [1][2][4]

 

Was besagt das biopsychosoziale Modell?

 

bio-psycho-soziales-modell

Körperliche, psychische und soziale Faktoren führen dazu, dass Schmerzen chronisch werden.

Auch das Umfeld und die Art und Weise, wie Betroffene mit den Schmerzen umgehen, sind entscheidend dafür, ob Schmerzen chronisch werden. Das konnten Wissenschaftler nachweisen. [5][6][7]

Das heißt: Zusätzlich zu den körperlichen Faktoren (= bio) wie z.B. kurzfristige Schädigungen, Muskelverspannungen und Fehlhaltungen, die zunächst den akuten Schmerz verursachen, kommen psychische (= psycho) und soziale Faktoren (= sozio).

Diese Faktoren begünstigen die Chronifizierung und lassen den Schmerz dauerhaft anhalten[5][6][7]

 

Psychische Einflussfaktoren

 

Zu den psychischen Faktoren gehört z.B. der konkrete Umgang mit dem Schmerz. Dazu zählen unsere Gedanken, Gefühle und unsere Wahrnehmung, die den Schmerz direkt beeinflussen.

Wenn jemand den Schmerz als bedrohlich wahrnimmt, wird das eher dazu führen, dass die Schmerzen länger bestehen bleiben.

Auch dysfunktionale Gedanken und Katastrophisieren erhöhen das Risiko dafür, dass der Schmerz länger anhält: Wer beispielsweise dazu neigt, die Schmerzen als etwas Unabänderliches und Schreckliches zu sehen oder sich besonders ausgeliefert und hilflos zu fühlen, hat ein höheres Risiko die Schmerzen nicht wieder los zu werden. [4][5][6]

 

Ungünstige Verhaltensweisen

Auch ein zunehmendes Schon- und Vermeidungsverhalten, das als Folge von Angst vor weiteren oder verstärkten Schmerzen entsteht, beeinflusst den Krankheitsverlauf negativ. Hier wirkt eine Kombination der körperlichen und psychischen Faktoren.

Durch diese körperliche Schonung und Vermeidung bestimmter Bewegungen lässt die körperliche Aktivität immer weiter nach. Dadurch kommt es nach einer gewissen Zeit zu einer reduzierten körperlichen Leistungsfähigkeit und einem Muskelabbau.

Dies kann zu noch stärkeren Schmerzen führen, da der Körper immer weniger die Bewegung und Aktivität gewohnt ist.

Die reduzierte körperliche Leistungsfähigkeit kann auch die Stimmung negativ beeinflussen. Wenn man nicht mehr die gewohnten Tätigkeiten durchführen kann, kann das Traurigkeit und mit der Zeit auch Lustlosigkeit auslösen.

Dieser Kreislauf verstärkt eine zunehmende Hilflosigkeit und führt auf der Verhaltensebene zu einem sozialen Rückzug und der Vermeidung sozialer Aktivitäten. Dies wiederum erhöht das Risiko für depressive Verstimmungen und ein dauerhaftes Anhalten der Schmerzen. [5][6][7]

Einige Betroffene zeigen als Reaktion auf die Schmerzen auch ein ausgeprägtes Durchhaltevermögen und laufen Gefahr ihre körperlichen Grenzen zu überschreiten, was ebenso das Risiko für eine Chronifizierung erhöht. [1][5][8]

Diese beschriebenen psychischen Risikofaktoren lassen sich gut über spezielle Fragebögen erfassen, welche Ärzte spätestens nach einigen Wochen ohne Besserung durchführen sollten.

 

Soziale Einflussfaktoren

Zusätzlich zu dem körperlichen und psychischen Bereich können auch soziale Faktoren das Risiko für dauerhafte Schmerzen erhöhen und einen Einfluss darauf haben, wie lange Schmerzen anhalten.

Hierzu gehören beispielsweise Schwierigkeiten am Arbeitsplatz (arbeitsbezogene Risikofaktoren werden als „Blue und Black Flags“ bezeichnet) oder auch Probleme in der Partnerschaft.

Auch hier können sich im Sinne eines Kreislaufs diese Faktoren und der Schmerz gegenseitig verstärken – wie beispielsweise der oben beschriebene soziale Rückzug. [1][5][9]

Die häufigste Ursache für ein dauerhaftes Anhalten von unspezifischen Rückenschmerzen ist also eine Kombination aus länger andauernden körperlichen, seelischen und sozialen Belastungen.

 

Machen psychosoziale Einflussfaktoren immer krank?

 

Nur weil man Stress hat, bedeutet das nicht, dass man automatisch krank wird oder Schmerzen bekommt. Nicht jeder Stress macht krank.

Die Forschung zeigt, dass Stress erst dann zu einem Problem wird, wenn nicht mehr ausreichende Entspannungs- bzw. Regenerationsphasen im Ausgleich vorhanden sind. [10]

Bildlich kann man sich das ganze wie ein Fass vorstellen:

stress-fass-läuft-über

Ständiger Stress ohne Ausgleich: Irgendwann “läuft das Fass über”

Dabei muss Stress nicht nur ein einzelnes schwerwiegendes Lebensproblem sein, es können auch viele kleine alltägliche Stresssituationen das Fass zum Überlaufen bringen und somit Symptome wie z.B. Rückenschmerzen auslösen. [11][12][13]

Wissenschaftler vermuten zudem, dass Rückenschmerzpatienten auf äußere und innere Stressreize mit deutlich stärkerer Anspannung der Rückenmuskulatur reagieren.

Außerdem bleibt die Anspannung bei ihnen nach dem Ende der Belastung länger bestehen.

Gerade länger anhaltender Stress kann obendrein dazu führen, dass wir Schmerzen als stärker empfinden.

Aus diesem Grunde ist der Einsatz von regelmäßigen Entspannungsübungen und Bewegung zur Senkung des Stresslevels und Reduzierung der Anspannung ein wesentlicher Ansatzpunkt in der Behandlung von unspezifischen Rückenschmerzen – gerade wenn sie länger bestehen bleiben. [3][14][15][16][17][18]

 

Behandlung nach dem biopsychosozialen Modell

 

Um chronische Rückenschmerzen nach dem biopsychosozialen Modell zu behandeln setzt man genau bei den beschriebenen drei Bereichen an: Körper, Psyche und soziale Faktoren.

Sie richtet sich insbesondere nach den Faktoren, die die Schmerzen verstärken und versucht körperliche und psychosoziale Risikofaktoren zu verringern.

Dieser Behandlungsansatz richtet sich nach der Devise: „Aktiv vor passiv – Bewegen statt Schonen“, da ein aktiver Umgang mit den Schmerzen diese nachgewiesenermaßen verringert und einer Chronifizierung, also dem dauerhaften Auftreten der Schmerzen, vorbeugt. [16]

Dieser Ansatz in der Schmerzbehandlung wird auch als multimodale Therapie bezeichnet und nicht nur bei unspezifischen Rückenschmerzen, sondern allgemein bei langanhaltenden Schmerzerkrankungen eingesetzt.

Multimodale Schmerztherapie – Ganzheitliche Behandlung

 

Empfohlen wird die multimodale Therapie für Patienten mit chronischen unspezifischen Rückenschmerzen, bei denen sich die Beschwerden trotz weniger intensiver Behandlung nicht verbessern. Teilnehmen können alle Betroffenen, die keine Hinweise auf akute behandlungsbedürftige Ursachen aufweisen. [15][16][17]

Um auf die verschiedenen Bereiche gleichzeitig gut eingehen zu können, werden bei der multimodalen Therapie verschiedene Fachbereiche an der Behandlung beteiligt.

Es führt also ein Team bestehend aus Ärzten, Psychologen, Physiotherapeuten und gegebenenfalls auch anderen Berufsgruppen im regelmäßigen Austausch gemeinsam die Behandlung durch – dies erfolgt meistens vor allem bei langanhaltenden Schmerzen in einer Klinik während eines stationären Aufenthalts oder in einer Tagesklinik.

Die Behandlung wird individuell auf die jeweiligen Lebensumstände und persönlichen Bedürfnisse angepasst. Diese Therapieprogramme dauern meistens mehrere Wochen.

Die wichtigsten Bestandteile der multimodalen Behandlung sind körperliche Aktivität, Schmerzbehandlung und psychologische Verfahren. Außerdem werden wichtige Informationen über die Entstehung und den Umgang mit Rückenschmerzen vermittelt und Entspannungsverfahren eingesetzt.

Dabei ist das Ziel, neue Strategien der Schmerzverarbeitung und Schmerzbewältigung aus verschiedenen Bereichen kennen zu lernen und selbst auszuprobieren. [9][15][16][17]

 

So kannst Du selbst zu Hause aktiv werden

 

Ein regelmäßiges Rückentraining und Entspannungsübungen können auch abseits von einem Schmerzzentrum mit der richtigen Anleitung sehr gut selbst zuhause durchgeführt haben.

Auch die Kaia-App basiert auf den wichtigsten Elementen der multimodalen Schmerztherapie und bietet diese Elemente in digitalisierter Form an. Dort findest du physiotherapeutische Bewegungsübungen, wichtige Informationen über Rückenschmerzen und Entspannungsübungen. Das alles in nur einer App. Diese Übungen können in ca. 20 Minuten jederzeit auch von zuhause durchgeführt werden. So lässt sich aktiv etwas gegen chronische Rückenschmerzen tun und man kann problemlos neue Wege der Schmerzbewältigung erlernen.

Probiere es doch gleich mal aus!

Quellen und wissenschaftliche Studien
1: http://www.leitlinien.de/nvl/html/kreuzschmerz/kapitel-2;
2: http://www.patienten-information.de/mdb/downloads/nvl/kreuzschmerz/kreuzschmerz-1aufl-vers2-pll.pdf
3: Butler D. & Mosley L. (2016). Schmerzen verstehen. Heidelberg: Springer.
4: Wippert, P.-M., Fliesser, M. & Krause, M. (2017). Risk and protective factors in the clincal rehabilitation of chronic back pain. Journal of Pain Research, 10, 1569-1579.
5: http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/10788861.
6: http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/20833704
7: Hasenbring M. I. et al. (2012). Pain-related avoidance versus endurance in primary care patients with subacute back pain: Psychological characteristics and outcome at a 6-month follow-up. Pain, 153, 211-217.
8: http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/19082875.
9: Hans-Ulrich Wittchen (2011). Klinische Psychologie & Psychotherapie. Heidelberg: Springer.
10: Wachter M. (2012) Chronische Schmerzen. Heidelberg: Springer.
11: http://www.patienten-information.de/kurzinformationen/ruecken
12: http://www.dgss.org/patienteninformationen/herausforderung-schmerz/schmerz-und-psyche/
13: Gatchel et al. (2007). The Biopsychosocial Approach to Chronic Pain: Scientific Advances and Future Directions. Psychological Bulletin, 133(4), 581-624.
14: Truchon, M. (2001). Determinats of chronic disability related to low back pain: Towards an integrative biopsychosocial model. Disability and Rehabilitation: An International, Multidisciplinary Journal, 23 (17), 758-767. 
http://web.a.ebscohost.com.emedien.ub.uni-muenchen.de/ehost/pdfviewer/pdfviewer?vid=3&sid=0132d66a-0744-45a7-a0c6-fc90de71bda8%40sessionmgr4010
15: Arnold, B. et al. (2009). Multimodale Schmerztherapie. Konzepte und Indikation. Schmerz, 23(9), 112-120.
16: http://www.leitlinien.de/nvl/html/kreuzschmerz/kapitel-9
17: Cherkin D. C. et al. (2016). Effects of Mindfulness-Based Stress Reduction vs. Cognitive-Behavioral Therapy and Usual Care on Back Pain and Functional Limitations among Adults with Chronic Low Back Pain: A Randomized Clinical Trial. JAMA,315 (12), 1240-1249. 

Wichtiger Hinweis:
Dieser Artikel enthält nur allgemeine Hinweise und darf nicht zur Selbstdiagnose oder -behandlung verwendet werden. Er kann einen Arztbesuch nicht ersetzen.

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